Von Sankt Peterzell nach Schmerikon

Am Dienstagmorgen breche ich von Sankt Peterzell über Wattwil nach Schmerikon auf. Dies ist das erste Mal, dass ich kein Zimmer für die Nacht habe. Mein Quatier wird das Nächstbeste nach 15 Kilometern sein. Am Ziel müde lange auf Bettsuche gehen zu müssen, wäre das Drittschlimmste.

Das Zweitschlimmste ist ein Hungerast. Dem vorzubeugen ist nach fünfhundert Metern beim Dorfladen schon Pause für ein zweites Frühstück angesagt. Das erste im Gasthof war gelinde gesagt nicht ausreichend.

Das Schlimmste wäre eine Blase. Momentan brauch ich mich darum nicht zu sorgen.

Nach Sättigung verlasse ich Sankt Peterzell auf dem Ostschweizer-Jakobsweg an der ehemaligen Pilgerherberge Bädli.

Der folgende Anstieg zeigt sofort, dass der heutige Tag kein leichter wird. Nach einem letzten Blick zurück geht es in der Höhe auf und ab unter anderem auch durch mehrere Tobel. Freilich entschädigen jede Menge Eindrücke.

Der Abstieg nach Wattwil erfolgt in der direkten Falllinie auf vom Morgentau glitschigen Wiesen. Ich hasse abwärts gehen!

Bis auf Ali Baba gibt es keinen Grund länger in dem Ort zwischen zwei Eisenbahntunneln zu verweilen. Sofort beginnt der Aufstieg zur Iburg auf der gegenüberliegenden Seite, der jäh durch eine Sperre aufgrund von Renovierungsarbeiten unterbunden wird. Gott sei Dank waren die Höhenmeter nicht umsonst, denn der Jakobsweg über den Unteren und Oberen Laad führt auf der anderen Seite der Ruine auf gleicher Ebene weiter.

Ein Plakat wirbt für Schlafen im Stroh. Leider noch etwas zu früh! Ansonsten hätte ich das glatt mal ausprobiert. Von weitem sieht der Bauernhof ganz einladend aus. Hätte ich bloß gewusst, daß sich bis zum Züricher See keine Alternative mehr auftut!

Immer noch geht es bergauf bis dann eine kleine Hütte mit Klimaanlage völlig unerwartet zur Selbstbedienung einlädt. Im Kühlschrank findet sich eine große Auswahl von Getränken. Auch Eiskrem wird angeboten. Insbesondere befindert sich dort auch ein leeres Gurkenglas, das als Kässli bezeichnet wird, zur Aufnahme des monetären Gegenwertes, den zu bestimmen, der Betreiber dem Käufer überläßt: Ich orientiere mich an den Preisen des Ali Baba von Wattwill.

Die Hütte steht an einem Ort mit den vielversprechenden Namen Heid. Sie markiert den höchsten Punkt des Landübergangs zwischen Thurtal und Linthgebiet. Der Blick ins Tal ist einmalig. Ich mache eine ausgedehnte Pause.

Der Abstieg von der Heid führt durch einen Truppenübungsplatz der schweizerischen Armee. Rekruten sitzen in einer Wiese beim Waffendrill. Gelegentliche Gewehrsalven durchdringen die Stille. In der Schweiz fällt es keinem ein, die Wehrpflicht abzuschaffen.

Lang zieht sich nun der Weg zum Züricher See. Nirgendwo eine Gelegenheit zu übernachten! Ich werde das nun doch durchziehen!

Bis der Blick auf den See von Goldberg über Schemikron freigegeben wird, erfolgt ein dreidimensionaler Slalomlauf mit Über- und Unterquerungen von Autobahnen und Talbrücken unter entsprechender Geräuschkulisse.

Beim kurzen, aber schmerzvollen Abstieg beschließe ich für morgen einen Ruhetag, den das Hotel Seehof Gott sei Dank heute nicht hat.

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Von Appenzell nach Sankt Peterzell

Die Nacht zum Montag verbringe ich im Hotel Tübli, Raum 21. Und wie es sich für ein Taubenhotel gehört eher in einem Tübli-Schlägli (von Taubenschlag) als in einem Zimmer. Da ist ein Bett und ein enger Zugang, der nebenbei auch noch das Waschbecken aufnimmt. Auf jeden Fall kann es das Quadratmeter-Zimmerpreis-Verhältnis mit jedem Luxushotel aufnehmen.

Nach dem Frühstück, bei dem ich ohne Nachfragen glatt eine zweite Tasse Kaffee erhalte, starte ich bei Sonnenschein und klarer Sicht auf dem Appenzeller Jakobsweg nach Sankt Peterzell. Über Wiesenpfade geht es aufwärts mit wunderbaren Blicken auf die Gipfel und zurück ins Tal. In Gonten und Gontenbad will ich mich eigentlich verpflegen, aber am Montag schließt nicht nur die Gastronomie, sondern auch die ortsansässige Ladenwelt.

So geht es mit einem ziemlichen Knurren im Magen abwärts nach Urnäsch. Dort ist dann das Wirtshaus zum Engel offen. Es überrascht mich nicht mehr weiter, dass statt einem Schweizer eine nette Niedernländerin bedient.

Gestärkt geht es nach Urnäsch gleich steil bergauf. Oben angekommen heißt es mit einem Blick zurück Abschied nehmen vom Appenzeller Land.

Der Appenzeller Weg verläuft nun bis Sankt Peterzell fast immer auf geteerter Straße. Das stört mich nicht weiter, denn das Verkehrsaufkommen ist gering. Zweifellos komme ich auch sehr viel schneller und bequemer voran als auf Wiesenpfaden.

Schon eine halbe Stunde vor dem Tufenberg vernehme ich einen Superkuhglockensound aus der Höhe. Kurz vor dem Übergang zum Schöngrund erkenne ich dann als Ursache eine Kuhherde, die nicht nur die Glocken in einer, sondern in einer Vielzahl Größen trägt. Beim Abreißen des Grases werden so individuel die unterschiedlichen Töne erzeugt, die sich zufällig, aber harmonisch immer wieder zu neuen Akkorden zusammensetzen. Die Kuhherde feuert ein wahres Konzert ab. Mein tiefster Respekt gilt dem unbekannten Bauern für die Auswahl und Zuordnung der richtigen Glocke zur richtigen Kuh. Ein wahrer Komponist und Dirigent!

Auf dem Tufenberg markiert ein altes Wirtshaus den Passübergang. Der Zustand läßt mich zweifeln, ob es noch betrieben wird.

Vom Tufenberg geht es runter nach Schöngrund. Gott sei Dank gibt es an jeder Ecke Tränken mit Trinkwasser, denn auch in Schöngrund steht keines der vielen Wirtshäuser zum Durstlöschen zur Verfügung. Und woraus eine Kuh säuft, drinke ich allemal!

Der restliche Weg auf der alten Autostraße bis kurz vor Sankt Peterzell fällt dann bis auf eine Hundeattacke unter die Ruprik Abhacken. Das kurze Durchqueren des Neckertales sorgt dann noch für einen schönen Abschluß.

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Von Diepoldsau nach Appenzell

Am Sonntagmorgen starte ich bei dichtem Nebel von Diepoldsau nach Appenzell. Mit dem Pass Stoss wartet ein steiler Aufstieg aus dem trüben Rheintal in die sonnige Höhe. Der allmähliche Wetterübergang verleiht dem heutigen Unternehmen eine ganz besondere Note.

Doch bis dahin dauert es noch eine Weile. Zunächst einmal muss der Rhein überquert werden.

Ich habe mich immer gefragt, warum frühere Pilgergenerationen nicht den geraden Weg vom Pfänder nach Einsiedeln durch das Rheintal wählten, sondern den vermeintlichen Umweg über Rohrschach gingen. Dazu wären Brücken notwendig gewesen. Und die gibt es noch gar nicht lange. Und es sind jede Menge große und kleine Brücken über jede Menge Gräben und Kanäle, die ich begehe. Mühsam war es und ist es den Rhein zu zähmen.

Vor Altstätten tritt nun nicht nur die Sonne immer stärker aus dem Dunst, sondern auch ein besonderer Baum des Lebens taucht inmitten des Hofes einer Schrotthandlung am Ortseingang aus ihm hervor.

Altstätten selbst hält seinen Wochenendschlaf. Ausgerechnet große Teile der einheimischen Gastronomie schließen ihre Pforten von Samstagmittag (oft auch schon Freitagabend) bis mindestens Montag (oft auch bis Dienstag). Aber eingewanderte Türken schließen die Lücke und sorgen mit Kebab dafür, dass ich bei Kräften bleibe. So kann ich auf dem Weg zum Stoss getrost einen Blick zurück auf den Ort unter der sich auflösenden Schlafdecke werfen.

Kaum kommt die Sonne hervor, bin ich auch schon wieder froh über jedes Stückchen kühlenden Schatten. Der Schweiß läuft im Strömen! Mit der Zahnradbahn hingegen wäre alles ganz einfach! Ein paar Mal hätte ich zusteigen können!

Beim wunderschön alten Wirtshaus am Stoss trinke ich zwei Süßmost mit Mineralwasser wie die Wirtin das Apfelschorle nennt: “Damit wir uns auch recht verstehen.”

Der Rest ist dann Postkartenromantik pur. Es grüßt der Säntis. Über grüne Wiesenpfade beobachtet von wahrscheinlich gar nicht so dummen, gelassen grasend oder wiederkäuenden Kühen geht es an Gais vorbei in das schon im Schatten der tief stehenden Abendsonne liegende Appenzell. Es fehlte nur noch das Alphorn und der Jodler von der Höhe.

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