Von Donauwörth nach Biberbach

Zur nächsten Etappe meiner Wochenendpilgerfahrt zum Finis Terrae kehre ich nach Donauwörth zurück. Dieses Mal von München aus, wieder mit der Deutschen Bahn, aber pünktlich. Am Abend soll es dann wieder zurückgehen, und das heißt: nach der regulären Ankunft in Biberbach auf dem Augsburger Jakobusweg noch ein Marsch zur nächsten Regional-Express-Haltestation nach Herbertshofen!

Für richtiges Pilgern ständig weg von den gewohnten Lebensmittelpunkten fehlt die Zeit: irgendwie muß das tägliche Brot verdient werden. Leider gibt es einem der Vater unser im Himmel nicht von sich aus. Und schließlich habe ich ja auch noch meine liebe Frau. Sie würde mich nur allzugerne begleiten, dies ist ihr verletzungsbedingt nicht möglich. Ihre Kommentare zu meinen Alleingängen werden leider zunehmend kritischer.

Donauwörth ist ein hübsches Städtchen. Ich mache deshalb bewußt einen kleinen Umweg vom Bahnhof durch das Reichstor und die Innenstadt zum eigentlichen Ausgangspunkt der Etappe, der Brücke am Hotel Donau. Über meinen Arbeitsgeber bin ich mit dem Ort latent verbunden. Langezeit ohne Bedeutung wird dies aufgrund seiner strategischen Absichten zum Wohle des Unternehmens dramatisch. Eigentlich dürfte es mir hier nicht gefallen! Vielleicht wird alles gut.

Bis Mertingen zieht sich der Weg über die flurbereinigten Ausläufer des westlichen unteren Urlechtales. Nicht nur ein Leidensweg wegen der schneidenden Kälte!

Danach eine Andeutung von Landschaft mit Hügeln, Busch- und Baumgruppen. Die Schmutter hat sich tief eingegraben. Offensichtlich ist es nicht gelungen, das dazugehörige Steilufer einzuebnen. Labsal für die Seele! Bei Druisheim wird dann sogar eine Fischsteige neu inszeniert. Hat das mal wirklich hier so ausgesehen?

Bis zum Kloster Holzen führt der Weg dann freilich wieder an kanalisierten Gewässern entlang. Doch dort tauche ich in eine andere Welt. Vorbei an dem kleinen Nonnenfriedhof mit seinen bescheidenen Holzkreuzen führt nur eine einzige Spur im Tage alten Schnee den Treppenaufgang hoch. Keine einzige Menschenseele auch im großen Klosterhof! Vergeblich suche ich bei einem Rundgang nach Menschen in dieser baulichen Pracht. Der einladende Klosterbräu beweist, daß hier meistens mehr los sein muß. Aber jetzt ist nur Stille! Momentan gehört das Kloster mir ganz allein!

Beim Öffnen der Kirchentüre flutet Helligkeit. Die unbemalten Figuren aus Porzellan reflektieren das Licht aus den Fenstern und verteilen es im Kirchenschiff im Gegensatz zu vielen Räumen ähnlicher Art, bei dem man glaubt, ein Reich der Finsternis zu betreten. Selten hat mich ein Kircheneintritt so beeindruckt. Um so überraschter bin ich, daß dieser Leben verheißende Raum auf den zweiten Blick nichts anderes ist als eine Reliquienstatt. In jedem Seitenaltar befindet sich ein prachtvoll bekleidetes Heiligenskelett oder eine flächenfüllende Knochencollage. Ansich haben diese Dinge etwas Verstaubtes und Muffiges. Dieser Raum gibt ihnen Frische. Selten habe ich mich in der Nähe von Leichenteilen so wohlgefühlt. Bisher hatten mich immer nur die Jahrhundete alten, gut erhaltenen Heiligenzähne im Kontrast zu den meinigen beindruckt.

Beim Verlassen der Kirche ist immer noch keine Seele zu sehen. Ich gehe aus dem Hof, um den Weg an der Klostermauer entlang nach Süden fortzusetzen. Wären da nicht plötzlich drei grinsende Gestalten mit einem Leiterwagen auf mich zugeschossen, hätte ich den Besuch auf Kloster Holzen abgeschlossen ohne jemanden zu sehen. Sie sind genauso überrascht und erfreut wie ich. Drei Behinderte aus dem nahen Heim sind offensichtlich mit einem wichtigen Transport beauftragt.

Im Tal geht es weiter. Kurz vor Blankenburg sehe ich auf einer Koppel Maultiere stehen. Tatsächlich überlege ich mir ein solches zuzulegen. Es könnte meinen Rucksack tragen. Zusätzlich könnte es ein Zelt tragen, und mir die Hotelkosten oder die Übernachtungen in Refugien ersparen. Spinnen muß erlaubt sein!

Zur imposanten Burg Markt geht es wieder bergauf. Doch ein pflichtbewußter Golden Retriever verwehrt mir den Zugang zu dem Gemäuer. Neugierig kommt er aus seinem Hoheitsgebiet, genießt meine Streicheleinheiten. Als ich ihm den Hals kraule, legt er sich sogar auf den Rücken. Ich glaube ihn auf meiner Seite und versuche mit ihm ihn streichelnd auf das Burggelände zukommen. Doch Pech gehabt! Genau im Torbogen baut er sich wieder laut bellend vor mir auf. Ich gebe auf und lasse ihm seinen unbestechlichen Willen!

Beim Blick zurück auf die Burg Mark stellt sich die in Bayern wichtige Frage, ob der Wachturm oder der Kirchturm höher ist. Das ungeschriebene Gesetz lautet, kein anderes Gebäude darf einen katholischen Kirchturm überragen. Das scheint hier anders zu sein.

Dann liegt auch schon Biberbach vor mir. Lang zieht sich der Weg zur Wallfahrtskirche. Um geistig anzukommen verweile ich dort bewußt eine längere Zeit.

Der weltliche Teil sollte im Anschluß im benachbarten Gasthaus erfolgen. Nach einem Tag an der frischen Luft will ich mir eine Gaststube hinter vergilbten Gardinen nicht antun. Zumal eine Nahrungsaufnahme nicht erforderlich erscheint mache ich mich direkt auf den Weg nach Herbertshofen und München.

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