Von Hemau sechs Stunden nach Norden

Offensichtlich sind 24h-Stunden-Wanderungen der letzte Schrei. Noch will ich mir das nicht antun und gebe mich mit einer 6-Stunden Wanderung einschliesslich Pausen zufrieden.

Aber wohin? Von einem Ort aus einfach immer mit dem Kompass möglichst genau in eine bestimmte Richtung! Hier heisst das von Hemau nach Norden.

So erreiche ich zunächst auf bekannten Wegen Beratzhausen. Über Kreisstrassen bis hin über abgemähte Wiesen gelange ich in etwas mehr als sechs Stunden zum ersten Mal in meinem Leben nach Dantersdorf, wo immerhin ein Maibaum aufgestellt ist. Nur der Truppenübungsplatz Hohenfels stellte sich meinem Norddrang entgegen. Am Schluss muss ich nach Nordwesten ausweichen, um Konflikte mit unseren Befreiern von der U.S. Army zu vemeiden.

Wie üblich zeig auch diesmal mein Garmin ein paar Meter zu wenig.

Garmin 6HnachN

Von Hemau nach Kleinprüfening

Eigentlich wollte ich ja in die Eisdiele zu den Arkaden des Regensburger Hauptbahnhofes zur Verspeisung eines Tropenbechers. Am Schluß stoppte ich dann doch schon beim Gasthof Hauber in Kleinprüfening. Die Regensburger Straßenschluchten waren an diesem heißen Sommertag mit Temperaturen über die 30 zur Mittagszeit dann doch übertrieben. Zwei kühle Weißbiere sind sowieso nicht der schlechteste Tausch!

Ohne zusätzliche Plannungen vertraue ich heute nur auf das Routing meines Garmin Oregon 450. Einfach unter Cities Regensburg, unter Routing on road,pedestrian eingegeben, und ab.

Zunächst lande ich dann auf den Fahrradwegen parallel zur Hemauer B8. Die großartigen Aussichten entschädigen kurzfristig schon für den erträglichen Lärm der rasenden Autos.

Ab Deuerling will ich dann doch nicht mehr der Bundesstraße entlang laufen, und versuche es mit Cities Eichhofen. Das Oregon mit den Openstreetmap-Karten schlägt den Weg vor, den ich aus dem Bauch heraus auch gewählt hätte.

Von Eichhofen nach Cities Eilsbrunn! Die Lösung mit teilweisen Rückweg ist so schnell nicht nachvollziehbar. Deshalb folge ich den Ausschilderungen eines Wanderweges. Damit komme ich leider nicht auf den Alpinsteig, sondern in die Nähe der Autobahn, letztendlich aber doch nach Eilsbrunn.

Ab Eilsbrunn vertraue ich wieder meinem Navigationsgerät. Zielsicher auf die Minute genau führt es mich in den schattigen Biergarten mit einer Bedienung, die sich offensichtlich auch etwas schöneres vorstellen kann als Gäste zu bewirten. Aber die Getränke sind nach einiger Zeit doch vorhanden, vielfältig und kalt. Nichts anderes zählt an einem Tropentag.

Zum Spargelessen nach Thonlohe

In Thonlohe gibt es den Gasthof zur Post. Kommt man dorthin, hat man eigentlich immer der Eindruck “Heute geschlossen!”. Meist jedoch ist der Eintritt möglich.

Kaum zu glauben gibt es dort die feinsten Spargel-Mahlzeiten. Heute hatte ich eine Spargelcremesuppe und anschliessend einige Stangen des Wurzelgewächses mit Schnitzel. Die dazu gereichten gekochten Kartoffeln mit einem leichten Panadengeschmack waren die besten, die ich bisher gegessen habe.

Nebenbei erhält man die Beurteilung der politischen Lage durch den Stammtisch aus einheimischer Sicht. Im Gegensatz zum Spargel ist diese oft weniger bekömmlich.

Oberpfälzer Fusswallfahrt Tag 5

In Neumarkt St.Veit geht es morgens um 02:00 Uhr auf die letzte Etappe. Seit 01:00 Uhr bin ich wieder auf den Beinen. Wieder nur drei Stunden geschlafen wie all die letzten Tage während der Wallfahrt! Jedoch haben sich meine Füsse gut erholt! Nicht einmal die angehende Blase spüre ich wirklich!

Bei milden Temperaturen und klarem Himmel setzt sich der Zug in Bewegung. Ansich ein Widerspruch, der sich nach der Hälfte der Strecke auflöst: es beginnt immer wieder leicht zu tröpfeln, der Himmel überzieht sich mehr und mehr, starker Wind kommt auf.

Bis Pleiskirchen werde ich nicht richtig wach. Ich versuche im Gehen zu schlafen. “Schritt für Schritt!” erinnere ich mich jetzt an mein altes Ausdauermotto aus einem füheren Sportlerleben und konzentriere mich auf die momentan machbare Lösung dieses kleines Problem. Ein paar tausendmal wiederholt wird mich dies zum Ziel bringen! Den Sonnenaufgang kriege ich nicht mit.

Ich bewundere noch einmal die Vorbeter, die die gleiche Strecke gegangen sind wie ich, aber immer noch konzentriert genug sind, ihr Programm würdig und fromm abzuspulen. Ohne ihre Disziplin würde der Zug sehr schnell zu einem Vandalenhaufen verkommen.

Zwei Tassen Kaffee und zwei Quarkschnecken in Pleiskirchen bewirken ein Wunder, und ich bin pünktlich zum Abmarsch auf dem allerletzten Stück nach Altötting mit einem Schlag voll da. Dass mein Körper das alles so gut mitmacht ist erhebend und beruhigend zu gleich. Noch bin ich nicht verloren!

Es wird kälter und kälter. Der Wind immer stärker. Immerhin kommt er meist von hinten und treibt uns förmlich auf unser Ziel zu. Der einzige grössere Regenschauer geht glücklicherweise während des Frühstücks im Gasthaus nieder.

Bald sind wir in der eintönnigen Innebene: mit ihren Monokulturen nicht gerade ein Quell der Freude. Das Gebet aus den Lautsprechern konkurriert lange mit den Fahrgeräuschen von der nahen Autobahn. Wer die Natur geniessen will, braucht nicht unbedingt auf diese Wallfahrt. Die freudige Stimmung resultiert alleine aus der Nähe zum Ziel: am Horizont erhebt sich die Basilika St.Anna Altötting.

Und dann sind wir in Altötting. Zunächst einmal eine Stadt wie jede andere. Erst ab dem Franziskushaus ungefähr 1000 m vor der Basilika und der Gnadenkapelle wird sie zu etwas besonderem.

Zunächst fängt es ganz langsam mit der Blasmusik an. Dann wird das Spalier aus angereisten Angehörigen oder Zuschauern immer dichter. Freudiges Zuwinken und erste Tränen beim Wiedersehen! Altötting lebt den und lebt vom Mythos der Wallfahrt!

Aus besonderem Anlass des 325. Jubiläums der Wallfahrt ist die Madonna vor der Kapelle ausgestellt. Mir ist dieses besondere Ereignis gar nicht so bewusst während die Pupillen meiner frommen Begleiter leuchten wie die von kleinen Kindern beim Anblick der Geschenke unter dem Christbaum als sie ganz nahe an ihr vorbeigehen. Im Nachhinein erfahre ich, dass ich der Madonna hätte in die Augen schauen sollen.

Wir ziehen in der Basilika ganz nach vorne, setzen uns in eine Bank. Ungläubiges Staunen, wir sind am Ziel, wir sind angekommen und verweilen jetzt.

Eine Vielfalt der Freude: einzeln still und leise, sich um den Hals fallend, leises Lächeln und lautes Lachen, Schluchzen, Juchzen, Tränen. Bilder wie man sie sonst nur bei Olympiasiegern beim Umhängen der Goldmedaillie erlebt!

Ich bin froh, dabei gewesen zu sein.

Ich bin dann auch mal weg
Oberpfälzer Fusswallfahrt Tag 1
Oberpfälzer Fusswallfahrt Tag 2
Oberpfälzer Fusswallfahrt Tag 3
Oberpfälzer Fusswallfahrt Tag 4

Oberpfälzer Fusswallfahrt Tag 4

Am Montag ist Abmarsch um 05:30 Uhr in Kumhausen. Ohne Frühstück fahre ich mit dem Taxi von der Innenstadt in den Landshuter Stadtteil, wo sich in der Ausfahrt nach Geisenhausen für den vierten Tag aufgestellt wird. Gegen 18:30 Uhr soll dieser in Neumarkt St.Veit enden.

Der Hunger treibt mich bereits während der Kommunion in Geisenhausen aus der Kirche in das nächste Wirtshaus. Damit ahme ich die Spezialisten nach, denen es immer wieder gelingt an der Toilette niemals anstehen zu müssen, stets freie Auswahl bei den Plätzen in der Gaststube zu haben und immer als erste zu ihrer Brotzeit zu kommen.

Eigentlich wollte ich Saures Lüngerl. Nach Blick in den Kochtopf entscheide ich mich dann doch für drei Weisswürste mit zwei Brezen. Ein isotonisches Weissbier soll den Mineralhaushalt in meinen Körperzellen stabilisieren. Da ich dann immer noch nicht satt bin, eile ich in das gegenüber liegende Cafe zum Verzehr einer Quarktasche. Und das alles gegen halb neun morgens.

Über die von den Eiszeitgletschern aufgeschütteten Hügel führt dann der Weg bei strahlendem Sonnenschein zur Mariahilfkirche in Vilsbiburg. Dort geht der ernährungsphysologische Wahnsinn weiter mit zwei Steaksemmel: einige Stunden warm gehalten und zäh wie Leder. Meinen Appetit stört das nicht.

Die anschliessende Andacht will ich eigentlich ausfallen lassen und für ein Mittagsschläfchen nutzen. Das Wetter, das momentan nicht weiss, was es will, und die mahnenden Worte eines Mitpilgers, dass ich hier nicht zum Wandern, sondern zum Beten sei, bringen mich dann doch unter das Dach der Kirche. Dort erlebe ich den unvergeßlichen Urauftritt des während der vorhergehenden Pause gegründeten Pilgerchors: selig die, die guten Willens sind.

Das Wetter entscheidet sich für Sonnenschein. Und weiter geht es nach Egglkofen, wo der nächste kulinarische Leckerbissen in Form einer Leberkäsesemmel mit anschließenden Erdbeerkuchen wartet. Zum ersten Male bin ich heute satt.

Am Ende des Tages werden es immerhin wieder 35 km sein. Die Energiebilanz ist jedoch eindeutig: ich werde wiedereinmal mehr Kalorien aufgenommen als verbraucht haben. Energietechnisch betrachtet ist Wallfahren ein ziemlich effektiver Prozess. In der Tat bestätigen auch meine Mitpilger, dass sie zunehmen.

Das letzte Teilstück führt dann immer auf der Bundesstrasse 299 zwischen entgegenkommenden und überholdenden 40t-LKWs nach Neumarkt. Gleichzeitig zwickt meine linke grosse Zehe: eine Blase ist geboren. Meine Fersen fühlen sich nach vier Tagen an wie durchgetreten. Ein Zustand, den man wirklich nur durch Beten ertragen kann.

Bei der Kofferübergabe kurz vor Neumarkt schreibt das Kloakenproblem eine neue Episode. Die Männer sehen nach der Kaffeepause endlich die Gelegenheit sich zu erleichtern und streben wie üblich ohne Rücksicht auf Verluste aus, die Umwelt mit der chemischen Vorstufe von Dünger zu beglücken. Wie üblich können die Frauen in gebührend keuschen Sicherheitsabstand nur zuzuschauen. Diesmal steigt aber eine hübsche,blonde Polizistin an der gleichen Stelle aus ihrem Begleitfahrzeug wahrscheinlich zur Lagesprechung. Gerade als sie zur Erhöhung ihrer Autorität ihre unbefleckt weisse Dienstmütze aufsetzt, wird sie der gegenüberstehenden Männern in eindeutiger Stellung gewahr. Trotz der schnellen Flucht in ihr Auto ist das rote Leuchten ihres unschuldigen Antlitzes noch in großer Entfernung zu erkennen. Und der Vorbeter verbreitet sein Alleeeelujah über die Lautsprecher.

Ab dann gilt nur noch eins: ab ins Bett und schlafen, schlafen …

Ich bin dann auch mal weg
Oberpfälzer Fusswallfahrt Tag 1
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Oberpfälzer Fusswallfahrt Tag 5